KATHARINA PIEPER: ‘Ein Philosoph typografiert oder: ein modernes Märchenbuch für Wissenschaftler’ in Jahresschrift der Internationalen Ausstellung Künstlerbücher und Handpressendrucke IAKH 9, 6-9 (2000).


Stellen Sie sich einen Wissenschaftler und Philosphen als Typografen vor. Einen Menschen der denkenden Zunft als einen Menschen der gestaltenden Zunft. Zwei Welten? Unvereinbar? Unmöglich? Nicht bei Dr. G.L.J. Schönbeck! Amsterdam, Ende der 80 iger Jahre: Gottfried Lodewijk Johann Schönbeck, Jahrgang 1949, als freischaffender Bildhauer arbeitender studierter Philosoph und Physiker, entschließt sich zum weiteren Studium der Wissenschaften mit dem Ziel: eine Dissertation. Buchmesse Frankfurt 1999: Auszeichnung der Stiftung Buchkunst für die schönsten Bücher des Jahres. Darunter: «SUNBOWL OR SYMBOL», ein wissenschaftlich-philosophisches Werk, das die Betrachtungen des griechischen Philosophen Heraklit (ca. 540 bis 480 v.Chr.) zur Sonne zum Thema hat.  Auf 488 Seiten schönsten Romandruckpapiers finden sich komplizierteste Sachverhalte und diffizile Fußnoten in allen möglichen romanischen und germanischen Sprachen, Zitate und Ausführungen in griechischer Sprache und Schrift, gemalte Initialen, farbige Darstellungen. Das Ganze in einer Typografie, die auf den ersten Blick sehr klassisch-ästhetisch wirkt, doch beim näheren Hinsehen ihre überraschungen birgt. Finden sich doch unter den Zeichen ganz unterschiedliche Klammern, Anführungszeichen, Trennungszeichen. Und nicht nur das: Kapitälchen, Zahlen, Sonderzeichen tauchen auf, wie sie in keiner herkömmlichen Satzschrift zu finden sind. So stellt sich das beinahe Unfaßbare heraus: G.L.J. Schönbeck hat dieses umfangreiche Werk nicht nur in zehnjähriger Arbeit als Dissertation geschrieben, also verfaßt, sondern er hat die gesamte Typografie dazu selbstentworfen!


Verschiedene Wissenschaften in ungewöhnlicher Weise vereint
Als Wissenschaftler der Philosophie, Physik und Mathematik vertiefte sich Dr. Schönbeck weiterhin in Studien der Astronomie, Philologie, Psychologie, Mythologie, Anthropologie und des Altgriechischen. Um einem Thema wie den Notationen des Heraklit zur Sonne gerecht zu werden, braucht es nicht nur den philosophischen oder paläografischen Hintergrund, denn man kann dieses Thema von sehr unterschiedlichen Seiten beleuchten: philologisch, naturwissenschaftlich-astronomisch, anthropologisch, wahrnehmungstheoretisch etc. Diese Betrachtungsweise ist in der Wissenschaft sehr ungewöhnlich, weil sie weit über den «Horizont» eines Wissenschaftlers der jeweiligen Sparte hinausgeht. Doch genau dies wollte Dr. Schönbeck: eine weitgefaßte Reflektion über die Fragmente des Heraklit zum Thema Sonne als Symbol geben keine einfache Aufgabe! Aus Gründen der Internationalität der hochspezialisierten potentiellen Leser brachte Dr. Schönbeck dieses Werk in englischer Sprache heraus.  Seine Doktorarbeit enthält nicht, wie es in solchen Arbeiten oft der Fall ist, ca. 80 % bekanntes Material und 20 % Neues, sondern hier ist es umgekehrt. Die ‘Heraklitische Sonne’ ist in den bereits veröffentlichten Kommentaren weder die mythologische Sonne, noch die astronomische Sonne noch die perzipierte (wahrgenommene) Sonne. Doch welche Sonne ist sie dann, wenn sie schon eine Sonne ist? Eine romantische Idee? Und handeln die üblichen Kommentare also nicht von Heraklit, sondern von dieser romantischen Idee? Viele Fragen, die hier in mühevoller Kleinarbeit und 2100 Fußnoten aufs Exakteste untersucht werden. Kenntnisreich und bis ins allerletzte Detail werden methodisch die Quellen herangezogen, bestehende wissenschaftliche Kommentare in Frage gestellt, logische Schlußfolgerungen gezogen, eine umfangreiche Bibliographie aufgelistet und genauestens die typografischen Problemstellungen sowie deren Lösungen angeführt.


So bietet Dr. Schönbeck gleich drei (typografische) Möglichkeiten an, «die Sonne» darzustellen: ‘Sun’ für die mythologische Sonne, ‘sun’ für die astronomische Sonne und ‘SUN’ für die perzipierte Sonne. Die Prüfungskommission erkannte einige der bestehenden griechischen Satzschriften nicht an, weil sie nicht dem griechischen Schriftbild entsprachen, wohingegen sie für Dr. Schönbeck nicht alle Zeichen enthielten, die für die Darlegung der Studien vonnöten waren. So ergab sich für ihn, die fehlenden Zeichen selbst zu entwickeln, insbesondere aus Gründen der Genauigkeit und: der ÄSTHETIK.   War es auch notwendig, die lateinischen Lettern zu entwerfen? Laut Dr. Schönbeck ja. Keine Satzschrift enthielt seiner Meinung nach alle Zeichenkombinationen, Ligaturen und Spezialzeichen, die er brauchte, und so hat der ästhetische Perfektionist sie selbst entwickelt. Nicht allein die Stiftung Buchkunst bedachte sein Werk mit einer Auszeichnung, sondern er erhielt 1998 auch den Max Reneman Preis der Niederlande als Würdigung seiner künstlerischen Leistung für «SUNBOWL OR SYMBOL».


Zur Schrift
Elyade lautet der klangvolle Name der Schrift von G.L.J. Schönbeck. Es handelt sich hier um eine Antiqua, die auf den Formen des Aldus Manutius (Venedig, 15. Jh) basiert. Ebenso war die Amsterdamer Garamond (Amsterdam ist auch die Heimatstadt von Schönbeck) Vorbild für die eigenen Formkreationen. Johannes Gutenberg wollte mit seinen beweglichen Lettern der Handschrift so nahe kommen wie nur möglich. Um die optisch einheitliche Kolumnenbreite zu erreichen, hat er ca. 200 Zeichen geschaffen, einschließlich Abbreviaturen, Ligaturen, etc. Seine 42-zeilige Bibel gilt heute immer noch als das schönste gedruckte Buch, das je erschaffen wurde.  Im Vergleich zu unseren 26 Buchstaben des Alphabets hört sich die Anzahl 200 als sehr viel an. Doch Dr. G.L.J. Schönbeck hat weit über 2000 Zeichen geschaffen, um ein Schriftbild zu erzielen, das zum einen an die Handschrift erinnert (und die ist eben nicht "uniform", sondern immer individuell), in ihrer Lebendigkeit, Präsentation und in ihrem Ausdruck, und zum anderen an die ersten Inkunabeln, die kaum von der Handschrift zu unterscheiden waren. Mit Absicht gestaltete er jeden einzelnen Buchstaben in einer gewissen Unregelmäßigkeit (beispielsweise gibt es nicht einen einzigen rechten Winkel in dieser Type), sodaß im Gesamtcharakter des Wort- und Satzbildes wiederum eine «regelmäßige Unregelmäßigkeit» erscheint.


Es taucht die Frage auf, warum sich jemand die Arbeit macht, extra für spezielle Fälle eigene Zeichen zu entwickeln, so daß der Lesefluß, und vor allem die AESTHETIK gewahrt bleiben. Welcher Mensch macht sich die Mühe, Recherchen anzustellen, in die Ursprungsländer der jeweiligen Schriften zu reisen und alle nur erdenklichen Vorlagen zu studieren, um diese Studien in die Formen seiner eigenen Type zu integrieren, damit sie perfekt wird und seinen Ansprüchen genügt der sich in die Computertechnologie und in’s Type-Design so tief einarbeitet, daß mancher Ingenieur oder Programmierer ihm nicht mal die Hand reichen kann der Ligaturen schafft, die es noch nie zuvor gegeben hat (wie beispielsweise ffü-Ligaturen) der seine völlig eigenen Trennungszeichen gestaltet, sodaß selbst mehr als drei Trennungen untereinander nicht im geringsten stören.  Die Antwort kann nur sein: es ist die geniale Leistung eines Fanatikers, der eigentlich nie mit sich zufrieden ist - eben ein PERFEKTIONIST. Ein ANARCHIST der Buchstaben. In einer mühevollen Kleinarbeit, wie sie ausführlicher und präziser nicht sein kann, nennt Dr. Schönbeck in seiner umfangreichen Bibliografie und dem Glossar genauestens seine Quellen, auf die er sich gestützt hat. Von der setzerischen Leistung, die zu diesen zig-Seiten typografischer Sisyphusarbeit geführt hat, kann man sich im hinteren Teil des Werkes, dem Index und dem Appendix, überzeugen. Man spürt beim ersten Anblick des Buches "SUNBOWL OR SYMBOL", daß hier etwas ganz Individuelles geschaffen wurde. Jedes Buch ist ein Unikat und wird auch vom Autor handschriftlich nummeriert, am Ende, im herzförmigen Colofon, quasi als i-Punkt zum Buch selbst.


Das Buch wurde in einer Auflage von 724 Exemplaren gedruckt, und selbst bei der drucktechnischen Verarbeitung packte Loek Schönbeck tatkräftig mit an. Aus Kostengründen belichtete und entwickelte er die Filme selbst, montierte sie und machte schließlich sogar die Offsetplatten fertig. Druck und Bindung besorgten anerkannte Fachleute in Amsterdam. Das leidende Antlitz Heraklits wurde in einem speziellen Golddruckverfahren auf den Umschlag gedruckt. Da kein Verlag die Verantwortung für ein solch kompliziertes wissenschaftlich-typografisches Werk übernehmen wollte, brachte Schönbeck es schließlich im eigenen Verlag mit Namen «Elixir Press» heraus. Nun, es gibt ein paar Kleinigkeiten, die man noch verbessern könnte und die Dr. Loek Schönbeck vielleicht heute auch anders gestalten würde. Einige Lettern sind in Proportion und Harmonie noch nicht ausgewogen genug, die Oberlängen der Kursiven zu verspielt, das n im oberen Bereich etwas schmal, das o zu groß, die Serifen der Antiqua ziemlich schwer, um nur einige Beispiele zu nennen.  Insgesamt ist aber eine Type entstanden, die auf ihre ganz besondere Weise lebendig ist. Sie strahlt Kraft, Wissen, Detailgenauigkeit und AESTHETIK aus, das gesamte Buch wirkt trotz seiner Zurückhaltung in gewisser Weise romantisch. Laut Dr. Schönbeck ist es, aufgrund seiner in wissenschaftlichen Kreisen ungewöhnlich kreativen Sprache, seinen von ihm selbst gemalten farbigen Initialen der Kapitelanfänge (die sich sowohl in Farbwiedergabe als auch in Symbolik auf die Inhalte der jeweiligen Kapitel beziehen) und in seinem Erfindungsreichtum an Form- und Gestaltungskreationen ein «Märchenbuch für Wissenschaftler». Doch nicht nur dies, es ist laut diverser Publikationen aus Fachkreisen wegen seines Reichtums an wissenschaftlichen Erkenntnissen eine Goldgrube. So ist ein Gesamtkunstwerk entstanden, auf das der Autor mehr als stolz sein kann...









HUB. HUBBEN: ‘Boeken om in te poepen’ • de Volkskrant (April 14, 2000).

Het jaarboek [sc. van het Nederlands Bibliofielen Genootschap] besluit met een bijdrage van de filosoof Loek Schönbeck, wiens opvallend uitgegeven proefschrift tot de Best verzorgde Boeken van 1998 behoorde.  Schönbeck beschrijft hoe hij ertoe kwam voor zijn dissertatie een eigen letter te ontwerpen – de Elyade – en hoe hij daartoe vooral werd geïnspireerd door de overweldigende schoonheid van De Aetna van Pietro Bembo, in 1495 gedrukt door Aldus Manutius.